Ekstasis. Zum Massendiskurs in der Weimarer Republik.

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1. MASSE UND MASSENDISKURS

Das Phänomen der Masse ist alt und neu zugleich. Dabei liegt das Neueste daran gerade im meist Archaischen. Und genau diese Paradoxie lässt die Masse immer wieder als signifikantes kulturelles Merkmal einer Zeit erscheinen. Zutreffend oder nicht, dies war jedenfalls die These, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert von zahlreichen Intellektuellen und Autoren in europäischen Ländern immer wieder vertreten wurde. So erklärte Gustave LE BON in der Einleitung zu „Die Psychologie der Massen” (1895) die Massen zum neuen Herrscher über die Gesellschaft und prophezeite, das kommende Zeitalter werde das Zeitalter der Massen sein, während er dann am Schluss des Buches in den Massen den Urzustand des menschlichen Zusammenseins überhaupt erkennen zu können glaubte.(1) Noch etwa 85 Jahre nach Le Bons Arbeit aktualisierte Serge Moscovici Le Bons Diagnose und konstatierte angesichts der neueren Verfallstendenzen der modernen Gesellschaften, dass die Menschheit nun in das „planetarische Zeitalter der Massen” eintreten werde.(2) Folgt man solchen Darstellungen, dann erscheint das Phänomen Masse tat- sächlich als die neueste Erscheinung einer hoch entwickelten Zivilisation und als das erste Anzeichen für deren Zerfall.

Aber es gibt auch andere Tendenzen im reich entfalteten Massendiskurs dieser Zeit. Denn es ist durchaus möglich sowie berechtigt, die Masse nicht als etwas Neues, was die moderne Gesellschaft auszeichnet, sondern als eine historisch-anthropologische Konstante zu betrachten, die in unterschiedlichen Formen in jeder Gesellschaft in jeder Zeit anzutreffen ist. Dies ist zum Beispiel der Ansatz von Elias CANETTIs Hauptwerk „Masse und Macht”. Systematisch die Fragestellungen der Massenpsychologie vermeidend, d.h. nicht von der Psyche des Einzelnen in der Masse, sondern von den körperlichen Erfahrungen in ihr ausgehend, versucht Canetti, die Grundschicht des Massenerlebnisses herauszuarbeiten. Diese besteht Canetti zufolge in der Befreiung von der Angst vor der Berührung durch den Anderen. Es ist das Verschwinden der Distanzen und Grenzen zwischen dem Ich und den anderen und die Aufhebung des eigenen Körpers in einem Kollektivkörper. „Es ist die dichte Masse, die man dazu [=zum Loswerden der Berührungsfurcht, A. d.Verfassers] braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht darauf achtet, wer es ist, der einen ,bedrängt’. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht. […] Wer immer einen bedrängt, ist das gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selber spürt. Es geht dann alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich.”(3) Die Masse stellt hier etwas dar, was die Grenzen eines Einzelnen auflöst und die Distanz zu anderen Menschen aufhebt.

Der in der Zeit der Weimarer Republik sich formierende Massendiskurs,(4) dem im Folgenden nachgegangen werden soll, zeigt sich einerseits stark von den Fragestellungen der Le Bonsehen Massenpsychologie geprägt. Trotzdem weisen auch sie Spuren der Erlebnisse auf, die Canetti zur Sprache gebracht hat. Nur wurden diese Erlebnisse hier anders artikuliert. Dabei ist die Artikulation selber ein Teil von ihnen. Denn wie die Masse erlebt wird, wirkt prägend ein darauf, wie darüber gesprochen wird, und umgekehrt. Anhand von einigen Beispielen soll dieses Verhältnis beleuchtet werden. Dabei soll sich unsere Aufmerksamkeit besonders auf den spezifischen Doppelstatus der Ekstase im Massendiskurs der Weimarer Republik richten. Die Ekstase diente einerseits auffällig oft als diskursive Figur zur Charakteristik des Massenerlebnisses. Zum anderen stellte sie mitunter auch eine diskursive Operation dar. Somit scheint sie mir eine besondere Stelle zu markieren, an welcher ein für den Massendiskurs der Weimarer Republik bezeichnendes Verhältnis von Erlebnis und Diskurs präziser untersucht werden kann.


(1) Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Autorisierte Übersetzung von Rudolf Eisler. Bearbeitet von Rudolf Marx. Stuttgart (Alfred Kröner) 1982, S. 2 u. S. 15lff.

(2) Vgl. Serge Moscovici: Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie. Vom Verfasser autorisierte Übersetzung von Michael Sommer. Mün- chen u. Wien (Carl Hanser) 1984, S. 13 u. S. 483ff.

(3) Elias Canetti: Masse und Macht. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch) 1980, S. 16. Hervorhebung im Original.

(4) Mit dem Begriff „Massendiskurs” bezeichne ich in diesem Aufsatz einen Diskurs über die Masse.

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